Landwirtschaft

Die Bauern bewirtschafteten ihre Höfe schon seit der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg meistens als "Landsiddel", d. h. als Meier (=Pächter). Sie gaben für die Länder und Wiesen den Landesherren, den Klöstern, der Kirche oder den Adelsgeschlechtern, von denen sie den Besitz "Meyerweise" erhielten, eine feste, jährlich genau festgesetzte Abgabe an Geld oder Naturalien. Ohne deren Zustimmung durfte nichts verkauft, verpfändet oder verschenkt werden. Im Laufe der Jahrhunderte verflachten jedoch diese Begriffe immer mehr, so dass der Bauer letzthin den Eindruck hatte, auf eigenem Grund und Boden zu sitzen, dessen freie Verfügungsgewalt nur durch gewisse Verwaltungsbestimmungen eingeengt war. Diese so erwachsenen Eigentumsrechte wurden bei der Ablösung der Abgabepflichten und Dienstleistungen im 19. Jahrhundert anerkannt. Als Auswirkung des 30jährigen Krieges waren nach seinem Ende die Höfe sehr verschuldet. Viele Gebäude waren noch nicht wieder errichtet worden. Dazu kamen die hohen Abgabelasten.

Im Jahre 1714 stellte man für Rhenegge ein neues Salbuch auf. Hier und bei der Abgabenveranlagung wurde bereits die Ertragsfähigkeit der zu jedem Hof gehörenden Liegenschaften berücksichtigt.

Dass unter solchen Bedingungen eine planvolle und rationelle Bewirtschaftung schwierig ist, ist verständlich. Die Erträge waren niedrig. Zur Verbesserung der Fruchtbarkeit war man mangels Einstreu für das Vieh auf eine sehr geringe Menge Stalldünger, den Pferch und die Brache angewiesen. Zur Bodenverbesserung hatte man nur Kalk bzw. Mergel. Misswuchs und kümmerliche Ernten waren nicht selten. Als Einstreu für das Vieh diente u. a. auch Heidekraut und Laub. Diese Art der Waldnutzung wurde von der Forstbehörde nicht gern gesehen und wegen der dann fehlenden Humusabdeckung des Waldbodens oft unterbunden. Eine geordnete Weidewirtschaft kannte man noch nicht. Der Bestand an Kühen und Rindern lag weit unter den heute gewohnten Zahlen. So erklärt sich auch der im Salbuch genannte niedrige Grünlandanteil. Damals kannte man nur die Koppelhute, d. h. Kühe und Rinder, Schweine und Schafe wurden jeweils in Herden zusammen gefasst und neben den für die gemeinsam zu nutzenden Gemeinflächen nach einem Plan auf den Brachen und Drieschen innerhalb der Hudegerechtigkeit in ihrer "Dorfschneide" von den Gemeindehirten gehütet. Die Schweine wurden im Wald nach Maßgabe der "Mastgerechtsame" gehütet. Nach der Einführung des Kartoffel- und Kleeanbaues statt Brache und der Kalkdüngung als Maßnahme zur Bodenverbesserung verbesserte sich die Futterversorgung der Tiere und durch den dann höheren Düngeranfall auch die Bodenerträge. Zur Düngerversorgung war der Pferch (d. h. die wandernde nächtliche Einzäunung der Schafe während der Hütesaison auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen) ein sehr wesentlicher Faktor. In Rhenegge gab es vor der Verkoppelung 3 "Pferch- bzw. Schafkonsorten" mit je 300 bis 400 Schafen. Einen besonderen Stellenwert hatte zu dieser Zeit schon die Pferdezucht. Wenn es vorrangig dabei zunächst um die Anspannung mit guten Pferden für den eigenen Betrieb ging, hatten auch die Landesherren ein Interesse an gutem Pferdematerial für ihr Militär. Darum sorgte der Staat für gute Deckhengste. Aus dieser Situation heraus hat sich dann die Einrichtung von staatlichen Deckstationen, für uns bis vor wenigen Jahren in Adorf, entwickelt. Mit der gesetzlichen Grundlage zur Ablösung der Zehnt- und Dienstleistungspflicht im Jahre 1848 begann für die Landwirtschaft in Waldeck eine neue Zeit. Abgelöst wurden auch die neben den materialen Abgaben noch bestehenden vielseitigen Verpflichtungen zu Dienstleistungen. So musste u. a. von den Rheneggern in Dingeringhausen geackert, in Gembeck Mist gefahren, in Korbach gemäht und Getreide eingefahren werden. Mit welchen Gefühlen diese Dienste verrichtet wurden, lässt das Zitat "beim ackern: Bräit un dünne un et Popenland is rümme" ahnen. Im Verlauf der Ablösungsverhandlungen wurde auch die Geschlossenheit der Güter aufgehoben. Die Inhaber konnten nun nach eigenem Ermessen Grundstücksgeschäfte tätigen.

Einen Einblick in die schwierige wirtschaftliche Situation jener Zeit gibt die Zahl von 14 Gehöften und 553 Morgen Land, die zwischen 1848 und 1872 zur Versteigerung kamen. Mit dieser Entwicklung begann dann auch die Suche nach neuen Existenzgrundlagen im "Bergischen" oder auch in Amerika.

1871 wurde die Verkuppelung und Neuaufteilung der Gemarkung beantragt und 1878 abgeschlossen. Bei der bestehenden Form war die Nutzfläche in viele kleine Parzellen aufgeteilt. So bearbeitete z. B. der Betrieb Christian Brüne, Bickes, 51 Einzelpartellen. Die ganze Gemarkung wurde als eine Einheit angesehen und rechnerisch und zeichnerisch so aufgeteilt, das jeder entsprechend seinen Flächen- und Qualitätsmäßig eingebrachten Anteilen mit wesentlicher weniger und dafür größeren Parzellen neu eingewiesen wurde. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das Feldwegenetz neu geordnet. Während des ganzen Verfahrens herrschte eine große Spannung unter allen Betroffenen und bei jeder passenden Gelegenheit gab es kaum ein anderes Gesprächsthema und wegen unterschiedlichen Interessen gab es auch schon einmal Ärger. Wenn bei der Neuzuteilung der Grundstücke auch nicht alle Wünsche berücksichtigt werden konnten, so wünschte sich wegen den wesentlich besseren Arbeitsvoraussetzungen doch keiner den alten Zustand zurück. Durch das Waldeckische Anerbengesetz, das die Erbfolge bei landwirtschaftlichen Betrieben regelte, wurde im Erbfall die geschlossene Hofübergabe gesichert und eine neue Aufsplitterung der Flächen verhindert.

Zu dieser Zeit gab es in Rhenegge bei 488 Einwohnern in 68 Haushalten 35 Haushalte, die Landwirtschaft betrieben. Die großen Höfe hatten 4-5 Pferde, 10 Kühe und Rinder, 40 Schafe, 2-3 Schweine und Hühner und Gänse. Beschäftigt wurden 2 Knechte und 2 Mägde. Bei den mittleren Betrieben kann man bei allen Zahlen von ca. der Hälfte ausgehen. Die kleinen Betriebe beschäftigten aber auch noch 1 Magd und 1 Jungen bei 1 Pferd oder 2 Ochsen zum anspannen, 2 Kühe, 2 Rinder, 12 Schafe, 2 Schweine und etwas Geflügel. Nach der Verkopplung wurden auch die "Pfirchkonsorten" aufgelöst und Schafherden eigenbetrieblich gehalten. Im Einzelfall schlossen sich Betriebe zu Hütegemeinschaften zusammen. Es gab bis zu 10 Herden in Rhenegge. Ein besonderer Tag im Jahresablauf der Schafhalter war die jährliche Schafwäsche. Für die Helfer war es, da sie den ganzen Tag im fließenden Wasser standen, ein harter Tag. Zum Abschluss und zur Belohnung gab es dann ein kleines Fest mit gutem Essen und Trinken.

Durch die Änderungen der Rahmenbedingungen, den Wegfall der "Schwarzbrache", die neueren Erkenntnisse der Landwirtschaftswissenschaft und die Verbesserung der Ausbildung begann ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge in allen Bereichen. Angebaut wurde eine breite Vielfalt. Die Verbesserung des Futterbaues ermöglichte eine Vergrößerung der Viehbestände mit höheren Erträgen und dadurch bedingt einen höheren Düngeranfall, der sich, aber auch in Verbindung mit der beginnenden mineralischen Düngung, wieder steigernd auf die Flächenerträge von Acker- und Grünland auswirkten. Wenn auch noch bis weit in das 20. Jahrhundert harte Handarbeit, u. a. wurde im Winter das ganze Getreide mit dem Flegel gedroschen, den Tagesablauf bestimmte, entwickelte sich langsam eine nach unseren Vorstellungen humanere Lebensform. Ein wichtiger Schritt dazu war der Einsatz der Dreschmaschine. Der erste Lohndrusch in Rhenegge wurde um 1890 mit einer Maschine aus Wetterburg durchgeführt. Als Antrieb wurde eine Dampfmaschine eingesetzt. Die Reinigung des Dreschgutes erfolgte aber anfangs noch von Hand über "Wannemühlen" und "Windfegen". Die letzte Erntefuhre eines jeden Jahres war für jeden Betrieb Anlass nach der schweren Erntearbeit aus Dankbarkeit ein eigenes Erntedankfest für Helfer und Mitarbeiter zu feiern. Im größeren Rahmen fand sich danach auch die ganze Dorfgemeinschaft noch einmal zum gemeinsamen danken für den Ernteertrag und freuen über die geschaffte Arbeit zusammen.

Die einsetzende Industrialisierung und die Entwicklung größerer Märkte mit Ex- und Import führte neben der Abwanderung von Dorfeinwohnern in die Städte, man sprach auch damals schon von Landflucht, zu neuen Anforderungen an die Landwirtschaft. Während in der Frühzeit die Produktion nur auf Eigenbedarf und Tausch ausgerichtet war, galt es nun neben der Finanzierung der zugekauften Betriebsmittel Saatgut, Dünger, Maschinen und sonstige Hilfsmittel den Finanzbedarf für den eigenen Bedarf zu decken. Dabei stiegen die Marktanforderungen an die erzeugten Waren ständig. Wenn dieser Trend auch durch den l. Weltkrieg und die spätere Inflation zeitlich unterbrochen oder verlangsamt wurde, setzte sich der ständige landwirtschaftliche Strukturwandel fort. Auch durch Aufgabe oder Wohnortwechsel der Familien gab es Veränderungen in der Betriebsstruktur.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten begann auch für die Landwirtschaft ein besonderes Kapitel. Schlagworte wie Blut und Boden und Ernährungsschlacht beherrschten die Darstellung in der Öffentlichkeit. Die Ausbildung des Nachwuchses und die gesamte Förderung wurden in den Dienst der politischen Ziele gestellt. Dazu gehörte die Unabhängigkeit von ausländischen Märkten durch hohe Produktion Selbstversorgung mit allen Bedarfsgütern des täglichen Lebens zu erreichen. Bei der Ausbildung hatte die betriebswirtschaftliche Schulung nicht erste Priorität.
Als dann mit dem totalen Zusammenbruch nach Kriegsende auch die Versorgung der Bevölkerung neu organisiert werden musste, waren Nahrungsmittel Mangelware und in den Städten der Hunger ein Problem. Für die Landwirtschaft hieß das, dass wie schon seit Kriegsbeginn auch weiter alle Erzeugnisse bewirtschaftet wurden. Für den Eigenbedarf war nur die Entnahme von kontrollierten Mengen zulässig. Diese für alle Beteiligten schwierige Zeit änderte sich schlagartig mit der Währungsreform. Die Märkte übernahmen wieder ihre Funktion zur Steuerung des Warenstromes und in der jungen Bundesrepublik begann eine heute nicht mehr vorstellbare Aufbauphase.

Schon in den Kriegsjahren hatten Chr. Bangert, Beineken und H. Fisseler, Tepeln, einen Schlepper mit Holzvergaser-Motor angeschafft, d. h. in einem angebauten Kessel wurde aus kleinen Buchenholzstückchen ein Gas erzeugt und mit diesem der Motor betrieben, nachdem er mit Benzin angelassen war. Anfang der 50er Jahre begann  in größerem Maße die Mechanisierung der Landwirtschaft.  Bei den Schleppern nahm die Stärke und Stückzahl sehr schnell zu. Durch den Ersatz der Arbeitspferde nahm auch die Flächenleistung je Arbeitskraft zu. Das vergrößerte Angebot an gewerblichen Arbeitsplätzen bewog manchen dazu, seine Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb zu betreiben oder ganz aufzugeben. Das war für andere die Möglichkeit, ihre Betriebsflächen aufzustocken und dadurch den Maschinenpark rentabler einzusetzen.

Mit Einsatz der Mähdrescher, Anfang der 50er Jahre kaufte Fritz Emden (Richts) in Rhenegge den ersten, verstärkte sich das Tempo des Strukturwandels noch. Während die ersten Mähdrescher noch vom Schlepper gezogen wurden und das gedroschene Getreide abgesackt wurde, kam bald der Selbstfahrer mit aufgebautem Korntank. Parallel dazu lief auch bei allen anderen Maschinen zur Bodenbearbeitung, Aussaat und Pflege sowie zur Heu- und Futterernte die Entwicklung.
Entsprechend entwickelt sich natürlich auch die Kostenseite. Rentabilität ist nur noch durch Einsatz auf großen Flächen oder durch Lohnmaschinen zu erreichen. Der bis dahin vielseitige Anbau von Roggen, etwas Weizen und W-Gerste, Hafer, S-Gerste, Erbsen, S- Rübsen, Kartoffeln, Futterrüben, Klee und die Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre auch noch Flachs entwickelte sich zum großflächigen Weizen-, W-Gerste-, Raps-, Futtermais- und noch im geringen Umfang Roggenanbau. Ähnlich ist auch die Veränderung bei der Viehhaltung verlaufen. Die Zahl der viehhaltenden Betriebe ist stark zurück gegangen. Schweine, für deren Mast im erheblichen Maße Futterkartoffeln angebaut wurden, werden kaum noch gehalten. Diese Futterkartoffeln wurden lange Jahre mit der genossenschaftlichen, fahrbaren Dämpfanlage zur Konservierung in Silos aufgearbeitet. Später wurden die Kartoffeln dann in der Saison in einer an die Molkerei in Mühlhausen angeschlossenen stationären Anlage bearbeitet. In der Milchproduktion war für die Rhenegger Lieferanten die Stillegung der Molkerei ein harter Einschnitt. Aus Protest über diesen Schritt entschlossen sie sich kurzfristig ihre Milch an den Cannsteiner Betrieb der Molkerei Westheim zu liefern. Da dies ohne Kündigung ihrer Mitgliedschaft bei der Uplandmilch erfolgte, kam es in der Folge zu Gerichtsprozessen. Trotz der unerfreulichen Entwicklung war aber das Ergebnis dieses Schrittes den Rheneggern den Einsatz wert. Zwischenzeitlich ist die Zahl der Milchvieh haltenden Betriebe stark zurück gegangen. Der Bestand je Betrieb ist aber wesentlich größer geworden und die Leistung je Stück hat sich sehr erhöht. Zum großen Teil werden Fütterung und der Melkvorgang elektronisch gesteuert. Im Ergebnis wird heute aus Rhenegge von nur noch 3 Milchvieh-Betrieben eine wesentlich größere Milchmenge als 1955 von 55 Betrieben geliefert.

(Quelle: Waldeckische Ortssippenbücher Band 71 Rhenegge)